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stadtbrand selb18.3.2026 – Es sind auf den Tag genau 170 Jahre her. Damals brannte die Stadt Selb nieder. Über 3.000 Menschen waren von jetzt auf gleich obdachlos. Der Stadtbrand war aber auch ein Schicksalstag für den Ort, der heuer 600 Jahre Stadtrecht feiern kann. Aus dem einstigen Weberort wurde die Porzellanstadt.

Es war der Vormittag des 18. März 1856, als eine scheinbar beiläufige Handlung das Schicksal einer ganzen Stadt besiegeln sollte. Eine Magd des Apothekers Georg Netzsch entsorgte glühende Lohballen auf dem Misthaufen hinter dem Haus – eine kleine Unachtsamkeit, deren Tragweite in diesem Moment niemand erahnen konnte. Doch der Wind griff die Glut auf, fachte sie neu an und machte aus einem unscheinbaren Funken ein unaufhaltsames Inferno.

Binnen kürzester Zeit griffen die Flammen auf die umliegenden, dicht stehenden Holzgebäude über. Was eben noch Alltag war, verwandelte sich in Chaos. Das Feuer fraß sich durch die Stadt, wurde von Böen weitergetragen und ließ innerhalb weniger Stunden ganze Straßenzüge in Flammen stehen. Die Menschen versuchten verzweifelt, ihr Hab und Gut zu retten, trugen, was sie greifen konnten, aus den Häusern – ein Wettlauf gegen die Zeit. Für vier von ihnen endete dieser Versuch tödlich.

Die Löschversuche blieben weitgehend wirkungslos. Die wenigen vorhandenen Mittel reichten nicht aus, um der Gewalt des Feuers etwas entgegenzusetzen. Eine der ohnehin seltenen Feuerspritzen fiel den Flammen sogar selbst zum Opfer. In ihrer Not griffen die Bewohner zu drastischen Maßnahmen: Am Marktplatz wurden Gebäude eingerissen, um eine Schneise gegen das Feuer zu schlagen. Doch auch dieser verzweifelte Versuch scheiterte. Selbst massive Steinbauten – die Amtsgebäude, die Kirche und das Schloss – konnten der Hitze nicht standhalten und wurden zerstört.

Am Ende bot sich ein Bild der Verwüstung: 221 Wohnhäuser und mehr als 400 Wirtschaftsgebäude waren vernichtet, reduziert auf rauchende Trümmer und Asche. Nur wenige Gebäude außerhalb des Zentrums, wie die Pechhütte an der Hohenberger Straße oder die Gottesackerkirche, blieben verschont – stille Zeugen einer Katastrophe, die das Herz der Stadt ausgelöscht hatte.

Von einem Moment auf den nächsten verloren über 3.000 Menschen ihr Zuhause. Mit dem wenigen, was sie retten konnten – oft begleitet von ihrem Vieh – suchten sie Zuflucht auf den umliegenden Wiesen. In der Kälte der folgenden Nächte wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe spürbar. Erst nach und nach fanden einige von ihnen in den umliegenden Dörfern eine vorübergehende Unterkunft. Trotz der Hilfe aus der Region blieb die Verzweiflung in Selb groß.

Doch aus der Zerstörung erwuchs auch der Wille zum Neuanfang. Die Stadt wurde wieder aufgebaut, vielfach auf den alten Grundrissen. Damit ging jedoch auch die Chance verloren, Selb grundlegend neu zu planen und zu gestalten.

Gleichzeitig eröffnete sich eine neue wirtschaftliche Perspektive. Da nahezu alle Arbeitsstätten zerstört worden waren, entstand Raum für neue Entwicklungen. Der Unternehmer Lorenz Hutschenreuther, der bereits zuvor Pläne für eine Porzellanproduktion in Selb verfolgt hatte, erhielt nun die Gelegenheit zur Umsetzung. Was zuvor auf Skepsis gestoßen war, wurde angesichts dringend benötigter Arbeitsplätze plötzlich möglich. Im August 1857 erhielt das Hutschenreuther-Werk auf dem Gelände der ehemaligen Ludwigsmühle die Konzession.

Damit begann ein tiefgreifender Wandel: Aus der einstigen Weberstadt entwickelte sich Schritt für Schritt die Porzellanstadt Selb. Begünstigt durch den Anschluss an die Bahnlinie Hof–Eger – zunächst 1865 über Selb-Plößberg und ab 1894 direkt in der Stadt – folgte eine Welle von Fabrikgründungen. Namen wie J. Zeidler (1866), Rieber (1868), Rosenthal (1879), Krautheim (1884), Müller (1889), Heinrich (1898), Jäger und Werner (1906), Graf & Krippner (1912), Krautheim & Adelberg (1912), Zeidler & Purucker (1919) sowie Gebr. Hofmann (1920) stehen für diese Entwicklung.

Mit der rasanten Industrialisierung wuchs auch die Bevölkerung deutlich: Lebten vor dem Brand noch etwas mehr als 3.000 Menschen in Selb, so waren es in den 1930er Jahren bereits rund 14.000. Aus der Katastrophe heraus entstand so nicht nur eine neue Stadt – sondern auch ein neues Selbstverständnis.

stadtbrand selbFoto zeigt den Selber Stadtbrand auf Porzellan gemalt, Wandrelief an einem Gebäude in der Pfaffenleithe unmittelbar in der Nähe zur Stadtkirche

selb-live.de – Michael Sporer 

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